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Ausgabe 1/01


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Die Lüge vom Gnadentod

Medizinische Massenmorde in Österreich von 1938 bis 1945

 

 

Wissenschaftliche und politische Voraussetzungen

 

Am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jh.s, der Hochzeit des Imperialismus, setzten sich rassistische Ideen und Vorstellungen immer stärker durch. Naturwissenschaftliche Erkenntnisse betreffend Vererbung und Zucht, Charles Darwins Theorien vom Kampf ums Dasein, von der natürlichen Auslese und vom Durchsetzen des Stärkeren (Anpassungsfähigeren) gegen den Schwächeren wurden von Rassentheoretikern von der Pflanzen- und Tierwelt auf die menschliche Gesellschaft übertragen ("Sozialdarwinismus"). Der Rassismus wurde in Form der "Erb- und Rassenkunde" (Rassenhygiene) zur wissenschaftlichen Disziplin und dominierte zunehmend auch andere Wissenschaften wie Anthropologie und Medizin, im besonderen die Psychiatrie. Dieser "Sozialdarwinismus" wurde zu einem Hauptinhalt der nationalsozialistischen Ideologie und nach der Machtergreifung 1933 mit barbarischer Konsequenz in die Wirklichkeit umgesetzt. Im Interesse der "Höherentwicklung" der eigenen Rasse sollten auch die "Minderwertigen" des eigenen Volkes (geistig und körperlich Behinderte, Erbkranke, soziale Randgruppen) "ausgemerzt" werden. Für "unnütze Esser", für "Ballastexistenzen" war im faschistischen Deutschland kein Platz. Sie sollten entweder durch Verhinderung der Fortpflanzung oder durch physische Vernichtung ausgeschaltet werden.

 

 

Zwangsweise Sterilisierungen von "Erbkranken

 

"Die erste verbrecherische Maßnahme, die die Nationalsozialisten nach ihrer Machtergreifung auf dem Gebiet der "Erb- und Rassenpflege" durchführten, war die zwangsweise Sterilisierung von "Erbkranken" durch das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" vom 14. Juli 1933, das in Österreich mit Wirkung vom 1. Jänner 1940 eingeführt wurde. Die Unfruchtbarmachung wurde von einem Erbgesundheitsgericht in einem pseudo-legalen Verfahren beschlossen und in einer öffentlichen Krankenanstalt durchgeführt, wobei im Weigerungsfall Zwang angewendet wurde. Diese für die Gesundheit der Betroffenen nicht ungefährliche Aktion erreichte in Österreich (mit etwa 10.000 Opfern) infolge des gleichzeitigen Beginns der Euthanasiemorde nicht jenes Ausmaß wie im "Altreich", wo an die 400.000 Menschen zwangssterilisiert wurden.

 

 

Beginn nationalsozialistischer Euthanasiemorde

 

Die Zwangssterilisierung genügte den NS-Rassenhygienikern jedoch nicht, da erst nach vielen Generationen Resultate zu erwarten waren und der Aufwand in der Kriegszeit zu hoch war. Es war kein Zufall, dass mit dem Beginn des Krieges 1939 auch der Kampf gegen die geistig und körperlich Behinderten verschärft wurde. Nach der - 1945 von der US-Armee aufgefundenen - "Hartheimer Statistik" aus dem Jahr 1942 wurden durch die Ermordung von rund 70.000 Menschen im Rahmen der "Aktion T4" (benannt nach der Berliner Adresse Tiergartenstraße 4, wo die Aktion geplant wurde) insgesamt 93.521 Betten, zum Großteil für militärische Zwecke, "freigemacht" und (auf 10 Jahre hochgerechnet) über 885 Millionen RM (ca. 45 Milliarden S) an Kosten eingespart.

 

 

Kindereuthanasie und "Aktion T4"

 

Das NS-Regime begann die zu Unrecht "Euthanasie" (griechisch: schöner Tod) oder "Gnadentod" genannte Vernichtung des "lebensunwerten Lebens" mit geistig und körperlich behinderten Kindern (siehe dazu den Beitrag von Thomas Oelschläger). Nahezu gleichzeitig begann aufgrund einer informellen geheimen "Ermächtigung" Hitlers die Ermordung der Geisteskranken. Im Rahmen der von der Kanzlei des Führers organisierten Euthanasie wurde 1940/41 ein Großteil der Patienten der psychiatrischen Anstalten, aber auch Insassen von Pflege- und Altersheimen in spezielle Tötungszentren abtransportiert und dort mit Giftgas getötet. Eine der größten dieser Mordanstalten befand sich in Schloss Hartheim nicht weit von Linz. Allein aus der Wiener Heil- und Pflegeanstalt "Am Steinhof" wurden ca. 3200 Menschen nach Hartheim deportiert und getötet.

Gegen die Abtransporte entwickelte sich bald starker Widerstand, vor allem seitens Betroffener und Angehöriger. In einem Flugblatt der Grazer KPÖ wurden die Euthanasiemorde angeprangert, während katholische Jugendliche die mutigen Predigten des Bischofs von Münster, Graf von Galen, verbreiteten; die Ordensobere der Salzburger Barmherzigen Schwestern, Anna Bertha Königsegg, wurde wegen ihrer Weigerung zur Mitwirkung verhaftet und gauverwiesen. Nicht zuletzt die massiven, z. T. öffentlichen Proteste der Kirchen veranlassten Hitler am 24. August 1941 zum Abbruch der "Aktion T4". Dieser zumindest teilweise erfolgreiche Widerstand steht in deutlichem Kontrast zur Verfolgung und Vernichtung der Juden, Roma, Sinti und anderer Minderheiten, die keine vergleichbaren Aktionen provozierten.

 

 

Andere Euthanasie-Mordaktionen

 

Mit Hitlers "Euthanasiestopp" kamen die Patientenmorde jedoch keineswegs zum Erliegen. Die "Kindereuthanasie" wurde weitergeführt, und in den Heil- und Pflegeanstalten wurde dezentral weitergemordet (siehe dazu den Beitrag von Peter Schwarz über die "wilde Euthanasie"). Auch die Tötungsanstalt Hartheim blieb bis Dezember 1944 weiter in Betrieb, um nicht mehr arbeitsfähige oder missliebige Häftlinge aus den Konzentrationslagern Dachau, Mauthausen und Gusen zu ermorden. Dieser nach einem internen Aktenzeichen im Reichssicherheitshauptamt (RSHA) benannten "Aktion 14f13" fielen in den Jahren 1941/42 und 1944 8000 bis 10.000 KZ-Häftlinge zum Opfer.

 

 

Von der "Euthanasie" zum Holocaust

 

Die von den Angeklagten im Nürnberger Ärzteprozess aufgetischte Version, dass die Juden nicht unter die "Euthanasie" gefallen wären, weil sie der "Wohltat des Gnadentodes" - so die zynische NS-Diktion - nicht würdig gewesen wären, war eine Lüge. Allein aus der Heil- und Pflegeanstalt "Am Steinhof" wurden im Sommer 1940 nahezu 400 jüdische PatientInnen, zum Teil nach einem Zwischenaufenthalt in der Anstalt Niedernhart (dem heutigen Wagner-Jauregg-Krankenhaus in Linz), in die Vernichtungsanstalt Hartheim gebracht. Nach dem "T4"-Stopp 1941 wurden die noch in den Anstalten befindlichen jüdischen PatientInnen in die Deportationstransporte des RSHA einbezogen. Die noch am "Steinhof" verbliebenen jüdischen Pfleglinge wurden Ende August 1942 abgeholt und kurz danach in die Todeslager Theresienstadt bzw. Maly Trostinec bei Minsk weitertransportiert.

Das Tötungsprogramm gegen AnstaltsinsassInnen wurde in organisatorischer, personeller und technologischer Hinsicht zu einer entscheidenden Vorstufe zum Holocaust. Nach dem Abbruch der "T4"-Aktion 1941 wurde das Personal der Tötungsanstalten zu der von dem Kärntner Odilo Globocnik geleiteten "Aktion Reinhard", der Ermordung der Juden im "Generalgouvernement" Polen, abkommandiert. Der aus Österreich stammende Dr. Irmfried Eberl brachte es vom Direktor der Euthanasieanstalten Brandenburg/Havel und Bernburg/Saale zum ersten Kommandanten von Treblinka, wo er allerdings bald von dem Oberösterreicher Franz Stangl abgelöst wurde. Die Methoden des industriellen Massenmordes, insbesondere die Anwendung von Giftgas, die Errichtung stationärer Gaskammern und die Deportationstransporte in einige wenige Vernichtungsstätten, wurden in modifizierter Weise übernommen.

 

 

"Bewältigung" im Österreich nach 1945

 

Die Auseinandersetzung mit den NS-Medizinverbrechen im Nachkriegs-Österreich kann hier nur skizziert werden: Die gerichtliche Verfolgung der Täter war völlig unzulänglich; viele in die Mordaktionen verwickelte Ärzte - wie Dr. Heinrich Gross und Prof. Hans Bertha - konnten wieder in ihren Berufen, in Wissenschaft und Lehre tätig werden. Eine "Wiedergutmachung" an den Opfern erfolgte die längste Zeit nicht; erst 1995 wurden Euthanasieopfer und Zwangssterilisierte als NS-Opfer anerkannt, während als "asozial" verfolgte Kinder und Jugendliche bis heute von der Opferfürsorge ausgeschlossen sind. Die zeitgeschichtliche Erforschung wurde lange Zeit vernachlässigt; erst seit den 90-er Jahren werden Untersuchungen über die Anstaltsmorde am Wiener "Steinhof" durchgeführt. Die nach 1945 tabuisierten Themen Euthanasie, Sterbehilfe und Zwangssterilisierung werden in den letzten Jahren (durch Julius Hackethal, Peter Singer u. a.) wieder diskussionswürdig gemacht. Inhumanes Kosten-Nutzen-Denken ist dem Gesundheitswesen weiterhin systemimmanent und eine permanente Gefahr für schwerstkranke bzw. alte PatientInnen. Die moderne Gen- und Reproduktionstechnik wird möglicherweise die rassenhygienischen Auslese- und Zuchtvorstellungen technisch realisierbar machen.

 

Dr. Wolfgang Neugebauer, Historiker, wissenschaftlicher Leiter des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstands (DÖW), Wien

 

 

Literatur zum Thema:

 

Ernst Klee, "Euthanasie" im NS-Staat. Die Vernichtung "lebensunwerten Lebens", Frankfurt am Main 1983.

Walter Kohl, Die Pyramiden von Hartheim. "Euthanasie" in Oberösterreich 1940 bis 1945, Grünbach 1997.

Eberhard Gabriel/Wolfgang Neugebauer (Hg.), NS-Euthanasie in Wien, Wien 2000.